Das ist wirklich so, dass Softwareentwickler nur sehr wenig Zeit mit dem Eintippen von Code verbringen. Ich selber hatte zum Beispiel zwei Mal neue Projekte mit komplexen Anforderungen, wo ich jeweils in etwa 5 Jahren rund 50000 bis 60000 Zeilen Code geschrieben habe (und weit über 200 Seiten Dokumentation). Tatsächlich ist es extrem produktiv, in einem Jahr 10000 Zeilen gut funktionierenden, nahezu fehlerfreien, gut wartbaren, dokumentierten Code zu schreiben, und in einem größerem Projekt fast nicht möglich, da die Geschwindigkeit aufgrund der wachsenden Komplexität stark sinkt. Ein Projekt wie der Linux-Kernel mit vielen Millionen Zeilen komplexen Code repräsentiert einen unfassbar großen Wert an Arbeitszeit. (Schätzungen von 2018 geben 14 Milliarden Dollar Wert für "nur" 20 Millionen Zeilen Code an, d.h. die Erstellung und Pflege von einer Zeile Kernel-Code kostet aktuell rund 700 Dollar!).
Diese 10000 Zeilen sind, bei rund 250 Arbeitstagen im Jahr, 40 Zeilen Code pro Tag - deutlich weniger als eine Seite. Softwareentwickler tun halt zeitlich gesehen zu 90% (und bei Legacy Code zu 98%) andere Dinge, als Code zu schreiben - z.B. klären sie überhaupt erst mal, was der Code tun muss.
Eine gute Metrik für die Komplexität von Programmcode ist, die Zahl der darin enthaltenen Symbole zu vergleichen mit den Vokabular einer Fremdsprache. Einen fließenden Wortschatz von 5000 Worten wird man normalerweise erst nach Jahren steter Übung erwerben. Bei Programmcode ist es so, dass ein Programm von 50000 Zeilen Länge vielleicht so 5000 oder 6000 Symbole enthält - und deren Bedeutung muss man lernen, ganz wie eine Fremdsprache. Deswegen ist die Wartung von umfangreichem altem Code so zeitaufwendig und schwierig.
Deswegen könnte KI das auch selbst im besten Fall in Wirklichkeit nicht mehr als um ein paar Prozent beschleunigen - selbst wenn die Zeit für die Eingabe von Code auf Null sinken würde. Und eine Beschleunigung setzt ja noch voraus, dass die Beseitigung der Fehler (Debugging) nicht länger dauert als nach manueller Eingabe. Letzteres ist aber in der Praxis schon nicht der Fall.