this post was submitted on 01 May 2026
7 points (100.0% liked)

WriteAndPost

49 readers
7 users here now

Mainly German – English posts welcome. Poste alles Eigene – Texte, Videos, Bilder – oder teile Inhalte mit deiner Meinung dazu. Persönlich, humorvoll oder politisch, oder alles auf einmal. Nichts Illegales, keine Drohungen, kein Hass.

founded 1 month ago
MODERATORS
 

Dies ist meine persönliche Einschätzung auf Grund meiner Erfahrungswelt, es gibt Theorien die in eine ähnliche Richtung zeigen, aber die will ich hier gar nicht versuchen zu erläutern, denn dass haben klügere bereits getan.

Arbeit als Grundreligion in „westlichen" Gesellschaften

Update: westlich ist hier in Anführungsstrichen, da heute quasi alle Gesellschaften so aufgebaut sind. (Danke, für den Hinweis in den Kommentaren)

Wie oft ich Sätze gehört habe, die wie folgt aufgebaut waren: „Er*sie war zwar [hier beliebige schlechte Eigenschaft einfügen], aber war immer fleißig." Fast eine Absolution fürs schlecht sein. Oder auch ein Klassiker: „Ich habe nichts gegen Ausländer, solange sie arbeiten.". Das drückt beides die Haltung aus, das Arbeit und Fleiß jemanden wertvoll machen, das Nützlichkeit über den Wert eines Menschen entscheidet. Denn im Umkehrschluss kann man es interpretieren als: Wer faul ist, wer nicht arbeitet ist wertlos, oder zumindest wertloser, als ein schlechter Mensch der Fleiß zeigt.

In einem älteren Text habe ich mich bereits mit Faulheit als „Sünde" und Fleiß als „Tugend" beschäftigt, wer mag findet ihn hier: https://feddit.org/post/29241578

Zum Teil geht diese Fixierung auf Arbeit viel weiter als nur die Fleiß/Faulheitsdebatte und weiter als nur die wirtschaftliche Abhängigkeit von Arbeit. In meinem Umfeld sind immer wieder Menschen, die ihr Leiden an der Arbeit wie einen heiligen Schild vor sich her tragen. Ungerechte Chefs, mobbende Kollegen, grauenhafte Arbeitszeiten, körperliche Überlastung, schlechte Bezahlung usw. gelten quasi als Ehrenabzeichen. Die Arbeit ist das Kreuz das getragen werden muss, bis man nach dem Renteneintritt endlich ins wahre Leben aufersteht. Eine Erlösung durch Leid, wenn man so will.

Selbstoptimierung als Buße und Beichte

Fitness, Produktivität, Zeitmanagement sind die neuen Sakramente. Apps, Tracker, Selbstkontrolle der moderne Beichtstuhl, fehlende Leistung die zu beichtende Sünde. Der vollkommene Arbeiter ist frei von Faulheit, Krankheit, Erschöpfung (Friedrich Merz gefällt das). Wenn man scheitert ist das moralisches Versagen, nicht Systemfehler oder schlicht Überlastung.

Das absolute Seelenheil erlangt man in diesem Glauben natürlich nur durch Leistung und Produktivität: „Ich hab's mir erarbeitet.". Für Gnade ist allerdings kein Platz, nur für Output. Beruflicher Erfolg ist unsere säkulare Erleuchtung.

Arbeit als Quelle der Identität

Die Frage: „Was arbeitest du?" ersetzt „Wer bist du?" und ist scheinbar unumgänglich in jedem ersten Kennenlerngespräch. Unsere Berufe sind unser Identitätsanker, Arbeitslosigkeit hingegen bedeutet quasi Identitätsverlust.

Nützlichkeit als Existenzberechtigung

Wie soll man diese Religion anders interpretieren, als das man gefälligst nützlich zu sein hat, wenn man es nicht ist, wird man notfalls geduldet, hat aber den ganzen Tag dankbar zu sein und natürlich regelmäßige Bußgänge zu machen, die eine komplette und oft wiederholte, demütigende Offenlegung des ganzen Lebens vor den Almosengebern (Ämtern) beinhalten. Ob ein Mensch ethisch gesehen ein gutes Leben führt ist in dieser Religion irrelevant, wenn er dauerhaft keinen Nutzen erfüllt und sich vielleicht noch anmaßt nicht mit genug Demut aufzutreten.

Und schließlich,

wie im Christentum, muss es ja auch die Möglichkeit zum Märtyrertod geben: BURNOUT!

Wer das geschafft hat, wird automatisch heilig gesprochen, vom Geist der ungebremsten Selbstkapitalisierung oder so.

*Na, wer empfindet das Bedürfnis seine Religion zu verteidigen? Gläubige sind ja oft ein wenig empfindlich, wenn man ihr Heiligstes spottet.Aber ich bin Religionskritiker seit ich erwachsen bin, also immer her mit eurer Empörung.

top 6 comments
sorted by: hot top controversial new old
[–] rumschlumpel@feddit.org 3 points 1 day ago (1 children)

Gibt es denn Gesellschaften, wo das grundsätzlich anders ist?

[–] Jemand_DrachenSchaf@feddit.org 2 points 1 day ago* (last edited 1 day ago)

Nein, das hab ich vergessen zu erwähnen danke für den Hinweis. Ich sehe unsere Welt mittlerweile sowieso weitestgehend als eine Gesellschaftsform, die größtenteils durch-kapitalisiert ist.

Ich hätte das im Text erwähnen sollen.

Edit: Hab es eingefügt.

[–] plyth@feddit.org 1 points 22 hours ago* (last edited 14 hours ago) (1 children)

Beruflicher Erfolg ist unsere säkulare Erleuchtung.

Es könnte auch das sein, was bleibt, wenn man Gott aus dem Protestantismus und insbesondere Calvinismus entfernt. Damit wäre es weniger eine eigenständige Religion und mehr die gleiche Religion, aber ohne Gott.

Arbeit sei der von Gott vorgeschriebene Selbstzweck des Lebens.

Unbestreitbar an diesen Thesen ist, dass wie alle Reformatoren auch Calvin der Auffassung war, dass aus der in Christus geschehenen Erlösung ein Leben folgt, das aus Gehorsam und Dankbarkeit durch Fleiß, (Selbst-)Disziplin, Sparsamkeit und Genügsamkeit gekennzeichnet ist (Max Weber: „innerweltliche Askese“). Indem Calvin den überkommenen Zusammenhang zwischen wirtschaftlichem Erfolg und einem Leben in Luxus zerbrach, wurden die dadurch eingesparten finanziellen Mittel frei für neue Investitionen. Dies führt zu weiterem wirtschaftlichen Erfolg, zumal die jeweils neuesten und effektivsten Methoden, Geräte und Maschinen zum Einsatz kommen.

https://de.wikipedia.org/wiki/Calvinismus

Inwiefern hat Calvin Recht? Konsum für sich ist nicht erfüllend. Durch die Industrialisierung wurde Arbeit entfremdet und durch die Säkularisierung gibt es keine religiöse Gemeinschaft sondern nur den entfremdeten Arbeitsplatz. Wäre unentfremdete Arbeit die Antwort auf die Sinnfrage?

https://de.wikipedia.org/wiki/Entfremdete_Arbeit

Was wird der Mensch tun wenn KI Maschinen auch die Arbeit nehmen, sofern es ein BGI gibt?

[–] Jemand_DrachenSchaf@feddit.org 1 points 15 hours ago* (last edited 15 hours ago) (1 children)

Mit protestantischer Arbeitsethik, Weber und dann auch Marx usw. liegst du zumindest bei meinen Grundlagen richtig... aber darum geht es ja nicht.

Ich weiß die Antworten auf deine Fragen nicht, zumindest nicht für die Gesellschaft, mir geht es um ein bewusst manchen, dass wir mit der Erwerbsarbeit nur einen neuen Götzen anbeten, nicht darum für alle Menschen zu beantworten was statt dessen gut wäre.

[–] plyth@feddit.org 1 points 14 hours ago (1 children)

Was wäre die Antwort für dich?

[–] Jemand_DrachenSchaf@feddit.org 1 points 9 hours ago* (last edited 9 hours ago)

Was wäre für dich die Antwort?