Dies ist meine persönliche Einschätzung auf Grund meiner Erfahrungswelt, es gibt Theorien die in eine ähnliche Richtung zeigen, aber die will ich hier gar nicht versuchen zu erläutern, denn dass haben klügere bereits getan.
Arbeit als Grundreligion in „westlichen" Gesellschaften
Update: westlich ist hier in Anführungsstrichen, da heute quasi alle Gesellschaften so aufgebaut sind. (Danke, für den Hinweis in den Kommentaren)
Wie oft ich Sätze gehört habe, die wie folgt aufgebaut waren: „Er*sie war zwar [hier beliebige schlechte Eigenschaft einfügen], aber war immer fleißig." Fast eine Absolution fürs schlecht sein. Oder auch ein Klassiker: „Ich habe nichts gegen Ausländer, solange sie arbeiten.". Das drückt beides die Haltung aus, das Arbeit und Fleiß jemanden wertvoll machen, das Nützlichkeit über den Wert eines Menschen entscheidet. Denn im Umkehrschluss kann man es interpretieren als: Wer faul ist, wer nicht arbeitet ist wertlos, oder zumindest wertloser, als ein schlechter Mensch der Fleiß zeigt.
In einem älteren Text habe ich mich bereits mit Faulheit als „Sünde" und Fleiß als „Tugend" beschäftigt, wer mag findet ihn hier: https://feddit.org/post/29241578
Zum Teil geht diese Fixierung auf Arbeit viel weiter als nur die Fleiß/Faulheitsdebatte und weiter als nur die wirtschaftliche Abhängigkeit von Arbeit. In meinem Umfeld sind immer wieder Menschen, die ihr Leiden an der Arbeit wie einen heiligen Schild vor sich her tragen. Ungerechte Chefs, mobbende Kollegen, grauenhafte Arbeitszeiten, körperliche Überlastung, schlechte Bezahlung usw. gelten quasi als Ehrenabzeichen. Die Arbeit ist das Kreuz das getragen werden muss, bis man nach dem Renteneintritt endlich ins wahre Leben aufersteht. Eine Erlösung durch Leid, wenn man so will.
Selbstoptimierung als Buße und Beichte
Fitness, Produktivität, Zeitmanagement sind die neuen Sakramente. Apps, Tracker, Selbstkontrolle der moderne Beichtstuhl, fehlende Leistung die zu beichtende Sünde. Der vollkommene Arbeiter ist frei von Faulheit, Krankheit, Erschöpfung (Friedrich Merz gefällt das). Wenn man scheitert ist das moralisches Versagen, nicht Systemfehler oder schlicht Überlastung.
Das absolute Seelenheil erlangt man in diesem Glauben natürlich nur durch Leistung und Produktivität: „Ich hab's mir erarbeitet.". Für Gnade ist allerdings kein Platz, nur für Output. Beruflicher Erfolg ist unsere säkulare Erleuchtung.
Arbeit als Quelle der Identität
Die Frage: „Was arbeitest du?" ersetzt „Wer bist du?" und ist scheinbar unumgänglich in jedem ersten Kennenlerngespräch. Unsere Berufe sind unser Identitätsanker, Arbeitslosigkeit hingegen bedeutet quasi Identitätsverlust.
Nützlichkeit als Existenzberechtigung
Wie soll man diese Religion anders interpretieren, als das man gefälligst nützlich zu sein hat, wenn man es nicht ist, wird man notfalls geduldet, hat aber den ganzen Tag dankbar zu sein und natürlich regelmäßige Bußgänge zu machen, die eine komplette und oft wiederholte, demütigende Offenlegung des ganzen Lebens vor den Almosengebern (Ämtern) beinhalten. Ob ein Mensch ethisch gesehen ein gutes Leben führt ist in dieser Religion irrelevant, wenn er dauerhaft keinen Nutzen erfüllt und sich vielleicht noch anmaßt nicht mit genug Demut aufzutreten.
Und schließlich,
wie im Christentum, muss es ja auch die Möglichkeit zum Märtyrertod geben: BURNOUT!
Wer das geschafft hat, wird automatisch heilig gesprochen, vom Geist der ungebremsten Selbstkapitalisierung oder so.
*Na, wer empfindet das Bedürfnis seine Religion zu verteidigen? Gläubige sind ja oft ein wenig empfindlich, wenn man ihr Heiligstes spottet.Aber ich bin Religionskritiker seit ich erwachsen bin, also immer her mit eurer Empörung.
Was wäre die Antwort für dich?
Was wäre für dich die Antwort?
Ich bin da krankheitsbedingt seit über 15 Jahren raus... hab mich versucht umzubringen weil ich mein Studium nicht geschafft habe, also zu sehr drin war, danach hab ich umlernen müssen.
Das wäre keine Lösung die ich anderen vorschlagen würde.
Menschen haben die Freiheit, sich anders zu organisieren. Die meisten sind im System, aber viele sind draussen. So wie Lemmy und Reddit bleibt die Mehrheit in den vorgegebenen Mustern.
Ich denke, dass es auch Vorteile hat. Als Rädchen im Getriebe trägt man nicht die Verantwortung, insb. nicht für die Ausbeutung anderer, die größer ist als die eigene. Dadurch kann man sein individuelles Leben leben.
Das Problem ist, dass die Arbeit gemacht werden muss, egal ob man sie religiös erfüllt oder nicht. Viel könnte wegfallen, wenn die Illusion nicht aufrecht erhalten werden muss. Es bleibt aber genug zu tun. Menschen müssen sich über Jahrzehnte spezialisieren, z.B. als Chirurg.
Die Sicht als Religion statt als Klassenkampf erlaubt, andere Lösungsansätze zu finden. Wir sind allerdings gefangen, da nicht alle Menschen als Jäger und Sammler leben können.
Mir geht es nur darum dass die Menschen realisieren, dass sie Erwerbsarbeit zum Dogma erheben und Menschen die Rausfallen zum Sünder degradieren. In dieser Form ist sie ein Modell der Neuzeit und muss keineswegs dogmatisch immer so organisiert bleiben.
Was jeder mit dieser Erkenntnis macht, sollte absolut freigestellt bleiben. In all meinen Texten geht es nur um Bewusstmachung von Problemen und Blickwinkeln, nie darum ein Ratgeber von Lösungen zu sein. Das wäre vermessen und ich wüsste nicht warum ich das wollen sollte.