Hagenbach – In einem Hinterhof in Hagenbach, einer knapp 800 Einwohner zählenden Ortschaft im Elsass nahe der deutschen und Schweizer Grenze, haben Polizisten einen neunjährigen Jungen befreit. Dieser soll von seinem eigenen Vater mehr als ein Jahr lang in einem Lieferwagen gefangen gehalten worden sein. Wie Staatsanwalt Nicolas Heitz in Mulhouse mitteilte, fanden die Beamten das Kind unbekleidet, unterernährt und in Embryonalhaltung unter einer Decke liegend – neben Exkrementen. Der 43-jährige Vater und seine Lebensgefährtin wurden festgenommen, ein Ermittlungsverfahren ist eingeleitet.
Nachbarn hatten die Polizei alarmiert. Immer wieder hatten sie verdächtige Geräusche aus dem geparkten Kleinbus gehört – der Vater hatte ihnen erklärt, es handele sich um eine Katze. Erst ein konkreter Hinweis auf Kindergeräusche aus dem Fahrzeug veranlasste die Beamten, den Wagen abends aufzubrechen.
Neunjähriger in Kleinbus gesperrt: Vater fuhr damit zur Arbeit
Was sie dort vorfanden, war erschütternd: Der Junge war nach Angaben des Staatsanwalts nicht mehr in der Lage, zu laufen. Sein letztes Duschen lag zu diesem Zeitpunkt Monate zurück – Ende 2024. Er hatte lediglich einen Rucksack mit Kleidung bei sich und musste in Plastikflaschen urinieren sowie seine Notdurft in Müllsäcken verrichten.
Der Vater überwachte den im Hof stehenden Lieferwagen mit einer Videokamera. Aufzeichnungen zeigten laut Staatsanwaltschaft, dass er sich zweimal täglich zu dem Fahrzeug begab, um Essen und Wasserflaschen hineinzuwerfen. Tagsüber nutzte er den Kleinbus – mit dem eingesperrten Kind darin – für die Fahrt zur Arbeit.
Im Verhör gestand der Vater, seinen Sohn ab November 2024 in dem Fahrzeug eingesperrt zu haben. Er habe ihn damit vor einer psychiatrischen Einweisung schützen wollen, die seine Lebensgefährtin angestrebt habe. Der Junge selbst gab an, die Lebensgefährtin habe ihn nicht mehr in der Wohnung haben wollen. Medizinische Belege für psychiatrische Probleme des Jungen gibt es laut Staatsanwalt Heitz jedoch nicht. Noch im Schuljahr 2023/2024 hatte der Junge die erste Klasse in Mulhouse mit sehr guten Leistungen besucht.
Patchwork-Familie zog 2024 ins Elsass: Schwester sah ihren Bruder plötzlich nicht mehr
Die Patchwork-Familie war Anfang 2024 nach Hagenbach gezogen. In der Wohnung im ersten Stock des Mehrfamilienhauses lebten neben dem Vater und seiner Lebensgefährtin deren zehn- und zwölfjährige Töchter – die Wohnung habe dabei einen vollkommen ordentlichen Eindruck gemacht, so der Staatsanwalt.
Die zwölfjährige Schwester des Jungen berichtete den Ermittlern, sie habe ihren Bruder rund zwei Monate nach Schulbeginn 2024 nicht mehr gesehen und bemerkt, dass ihr Vater regelmäßig die Wohnung verließ, um zum Lieferwagen zu gehen. Im Sommer 2025, während eines Familienurlaubs, hatte der Vater dem Jungen nach eigenen Angaben kurzzeitig Zugang zur Wohnung gewährt. Vieles erinnert an den schrecklichen Fall aus Tirol, in dem ein dreijähriges Kind aus Österreich verhungerte.
Die Lebensgefährtin bestritt bei ihrer Vernehmung den gesamten Sachverhalt. Sie habe zwar Geräusche aus dem Kleinbus gehört, aber keine Antwort erhalten, als sie gefragt habe, ob sich jemand darin befinde. Sie sei überzeugt gewesen, der Junge befinde sich in einer Klinik. Auch die Angehörigen des Paares gaben an, nichts von der Anwesenheit des Kindes im Fahrzeug gewusst zu haben. Der Junge befindet sich weiterhin in einer Klinik in Mulhouse. Die Ermittler prüfen nun, ob weitere Personen von seinem Schicksal hätten wissen müssen, ohne ihm zu helfen.
Nicht alle Menschen sind dazu in der Lage sich gut um ihre Kinder zu kümmern und sie nach Maßstäben moderner Pädagogik gut zu erziehen. Tagtäglich werden Kinder misshandelt, ohne, dass es jemandem auffällt. Heraus kommen kaputte Heranwachsende, die teils ihr ganzes Leben noch mit den Folgen dieser Schäden zu kämpfen habeh. Statt über Altersverifikation und Chatkontrolle zu faseln, sollte man Eltern vielleicht stärker zur Verantwortung ziehen und strenger sein, was das Sicherstellen des Kindeswohls betrifft.
Das Problem hier sind vor allen Dingen auch die psychischen Misshandlungen, denn die bleiben meist unsichtbar für Außenstehende und werden von den Kindern meist erst viel zu spät realisiert. Liebesentzug ist zum Beispiel so eine Misshandlung. Leider fehlt mir jede Idee, was man hier effektiv tun kann. Auf besseren Schulen wird schon einiges getan, um solche Missstände zu entdecken, aber leider sind die betroffenen Kinder meist nicht im Genuss, solche Institutionen zu besuchen.
Die Kinder selbst nehmen das als normal wahr, das kann ich aus meiner eigenen Kindheit bestätigen. Wir haben immer gedacht, alle anderen Familien spielen uns was vor, so, wie wir das allen anderen getan haben und sowas wie Zuneigung und Geborgenheit ist eine Lüge. Schwierig, dafür eine Lösung zu finden, weil es so weit verbreitet und damit auch bagatellisiert ist