this post was submitted on 13 May 2026
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Eine Beschreibung des Spielsystems

Irgendwann zwischen 2015 und 2017, in einer Phase, in der es mir sehr schlecht ging, habe ich angefangen mein Leben anders zu betrachten. Anfangs war das Leben für mich eine Serie, später ein Theaterstück, dann ein Rollenspiel. Nicht metaphorisch, sondern Struktur gebend. Ich begann damit an die kleinen und großen Aufgaben des Lebens als Quests (Aufgaben in Spielen, ursprünglich aus der Heldenepik) zu sehen, dauerhafte Vorhaben als Achievements (Errungenschaften, Trophäen für Leistungen im Spiel z.B. alle Inseln erkundet). So wurde ich also langsam vom Zuschauer, zum Teilnehmer und schließlich zum Spieler.

Die wichtigste Regel in meinem Spiel: Jeder Mensch spielt. Es gibt keine NPCs (Non-Player-Charakter. Eine Spielfigur ohne Mensch dahinter, wird vom Computer gesteuert). Kein einziger Mensch auf dieser Welt ist ein Statist. Nicht mal die, die versuchen nicht mitzuspielen, sie haben alle Auswirkung auf die Spielwelt und möglicherweise auf dich. Tiere sind in gewissem Rahmen auch Spieler, denn sie haben ja auch Bedürfnisse und daraus resultierend einen Willen. Alles, was keine eigene Handlungshoheit hat, kann NPC oder einfach Spielumgebung sein: Formulare, Algorithmen, Programme, KIs.

Meine Klassenwahl ist „Selbstprüfer“, manchmal übertrieben genau, aber sehr hilfreich wenn man viel lernen will. Die Klassenwahl im Spiel bestimmt die Spielweise sehr stark, klassisch gibt es damage dealer = Klasse die Schaden austeilt, meist Schützen, tank = gepanzerte Nahkampfklasse und heal = Heiler. Es gibt natürlich viele Varianten, aber dass sind die klassischen Drei. Im RPG Real Life gibt es minimal so viele Klassen wie es Menschen gibt.

Den Skilltree (Fähigkeitenbaum, Talentbaum, ein sich verzweigendes Netz an Fähigkeiten) hatte ich zunächst nicht freiwillig gewählt: Den Pfad der DBT (Dialektisch Behaviorale Therapie), das ist eine verhaltenstherapeutische Maßnahme, bei der einem mehr oder weniger das Menschsein gelehrt wird, die ursprünglich für Menschen mit Borderline-Störung entwickelt wurde. Im Spiel ist sie ein optionaler, extrem schwer zu meisternder Pfad. Ich habe ihn nur angenommen, weil mein Leidensdruck so hoch war, dass ich ernsthaft in Erwägung gezogen hatte, nicht mehr weiterzuspielen. Meine Ausgangslage war nicht: „Ich will leben.“ Sondern: „Ich will lernen, leben zu wollen.“ Mit diesem Satz startete ich 2012 die DBT.

Das Levelsystem ist simpel: Ein Lebensjahr = ein Level. Ich bin derzeit auf Level 44. Skillpunkte müssen durch aktives Training verdient werden. Es gibt keine automatischen Punkte pro Level. Und: Skills können sich zurückentwickeln. Wer z. B. jahrelang nicht schwimmen wahr, wird merken dass er sich nun schwerer tut.

Vertrackter ist es mit Skills die erst anfangen zu leveln wenn man eine bestimme Quest gestartet hat. Wer z.B. nie Selbstreflexion betreibt, wer nie ehrlich zu sich selbst ist, wird nicht mal anfangen echtes Verständnis für Menschen aufzubringen. Und nie sehen das ein Mensch einfach ein Mensch ist, ob man selbst oder jeder andere. (Meine Meinung)

Das Spielsystem erlaubt Cheats. Jeder darf cheaten. (cheaten bedeutet schlicht betrügen). Du darfst mit Geld kaufen, was andere erarbeiten. Du darfst lügen, betrügen, manipulieren. Du darfst dich verstecken, du darfst dich aufblasen, du darfst Narrative erfinden, Rollen spielen, Gefühle simulieren, du „darfst“ auch Gesetze brechen. Das Spiel wird dich nicht warnen. Es wird dich nicht aufhalten. Aber du musst dir bei jeder Tat klar sein, dass sie Konsequenzen hat, für dich selbst, für andere, für die Spielumgebung und am Ende vielleicht doch wieder für dich selbst. Man weiß nie.

Zeit ist dein kostbarstes Gut. Jede Sekunde zählt. Jede Minute, die du in einer Quest verbringst, die dir nichts gibt, musst du später rechtfertigen. Vor dir selbst! Und du wirst nicht zurückspulen können. Du wirst keine Dialogoption neu auswählen können. Jedes deiner Worte an deine Mitmenschen ob real oder in Social Media ist gesetzt, du hast entschieden es so rauszulassen. Leb damit! Tu was du willst ist ernstgemeint hier. Tu was du willst und leb mit den Konsequenzen. Eine Sache die in diesem Spiel genial ist, ist die Komplexität des Skilltrees. Kein Spiel auf dieser Welt - nicht Path of Exile, nicht Das schwarze Auge, nicht Baldur’s Gate - kommt auch nur annähernd an die Tiefe des echten Lebens heran. Der Skilltree des Real Life ist ein explodierendes 3D-System mit Millionen von Ästen. Du kannst zehntausende verschiedene Builds (das sind Skillkombinationen, manchmal dann man mehrere erlernen und wechseln) bauen. Aber du wirst immer Konsequenzen tragen. Du kannst ein absoluter Machiavellist werden. Du kannst in den sozialen Baum investieren, in Empathie, in Netzwerke, in Täuschung, in Informatik... Alles ist verfügbar. Aber nichts ist ohne Preis. Mindestens Zeit kosten alle, manche Geld, manche Freunde, manche die Familie, manche deine Freiheit und manche kosten Leben.

Ich spiele das Spiel, weil ich irgendwann 90 sein will und alle mit meinen Geschichten nerven will. Ich will sagen können: „Ich habe mein Spiel gespielt."

Das Spiel läuft im „Heroic Mode“ (Ein Modus in Spielen bei der die Spielfigur tatsächlich tot ist, wenn man stirbt, auch Permadeath, Ehre-Modus oder ähnliche Bezeichnungen) dass heißt, keine Savegames, kein Neuladen, jede Sekunde zähl, nur einen Durchlauf.

Gib dein Bestes, würde ich sagen.

Coming soon:

Der Fleischroboter = deine Spielfigur

Das Questsystem und meine Skills in Anwendung

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