this post was submitted on 25 Apr 2026
4 points (100.0% liked)

WriteAndPost

52 readers
1 users here now

Mainly German – English posts welcome. Poste alles Eigene – Texte, Videos, Bilder – oder teile Inhalte mit deiner Meinung dazu. Persönlich, humorvoll oder politisch, oder alles auf einmal. Nichts Illegales, keine Drohungen, kein Hass.

founded 1 month ago
MODERATORS
 

...warum halte ich das für höchst problematisch?

[Ich nutze ein generisches Femininum und meine alle damit.]

Es ist gut, dass Menschen über psychische Erkrankungen sprechen. Dass sie ihre Erfahrungen teilen, aufklären, Solidarität schaffen. Gerade auf Plattformen wie TikTok, Instagram oder YouTube geben Creator mit Diagnosen wie ADHS, Autismus, Borderline oder DID Einblicke in ihr Leben und das ist wichtig. Ich will auch nicht diskutieren, wer die Diagnose nun wirklich hat und wer nicht, denn der Weg zu einer offiziellen Diagnose ist oft lang und steinig. Ich weiß das aus eigener Erfahrung: Meine bipolare Störung wurde erst spät erkannt, nach Fehlmedikationen und Jahren des Suchens. Doch ob die Diagnose korrekt ist oder nicht, macht überhaupt keinen Unterschied für meinen Text.

Es gibt eine gefährliche Entwicklung: Immer mehr Menschen glorifizieren ihre Erkrankungen. Sie präsentieren sie quasi als „Superkräfte“. Autistinnen seien „genialer“ als andere, ADHSlerinnen „produktiver“, Borderlinerinnen „hyperempathisch“. Das ist nicht nur falsch, es ist schädlich. Und zwar auf mehreren Ebenen. Und die Plattform-Algoritmen lieben dramatische Formulierungen...

Die Illusion der Überlegenheit

Wenn jemand ihre Diagnose zur Superkraft erklärt, stellt sie sich selbst über andere. Und leider sehr häufig nicht wegen einer konkreten, vergleichbaren Fähigkeit etwa, dass sie Matheaufgaben schneller löst oder Projekte effizienter managt. Sondern mit pauschalen Behauptungen: „ADHSlerinnen erledigen alles schneller.“ „Autistinnen sind klüger als andere.“ „Borderlinerinnen sind die wahren Empathinnen.“

Das Problem: Solche allgemeinen Aussagen sind selten wahr und vor allem sie schaffen eine künstliche Hierarchie. Wer sich selbst zum Übermenschen stilisiert, macht andere automatisch zu Unterlegenen. Das belastet Beziehungen, kann zu Isolation führen („Die anderen verstehen mich nicht, weil ich zu besonders bin“) und kann ein Opferdenken verstärken: „Die Welt ist neidisch auf meine Superkraft.“

Doch das Schlimmste: Es setzt andere mit derselben Diagnose unter Druck. Stell dir vor, du hast Borderline, ADHS oder eine ähnlich schwere Diagnose und kämpfst täglich und musst alle Register ziehen um überhaupt zu überleben: Psychiatrieaufenthalte, Medikamente, betreutes Wohnen... . Und dann liest und hörst du überall: „Borderline ist eine Superkraft! ADHS ist eine Superkraft! Wenn du sie richtig nutzt bist du sogar besser wie andere!“ Wie soll das nicht verzweifelt machen? Wenn die eigene Realität nicht im Entferntesten der glorifizierten Version entspricht? "Warum schaffe ich es nicht meine 'Superkraft' zu nutzen?", trifft dann auf Menschen die zum Teil schon zerstörerische Selbstwertprobleme haben.

Hypervigilanz ≠ Empathie

Ich werde hier den Mythos der „Empathinnen“ besonders herauspicken, weil deren "Empathie" oft nach etwas klingt was ich selbst auch an mir erlebe und so gar keine Superkraft ist. Viele Menschen mit Traumafolgestörungen (etwa durch Missbrauch, Mobbing oder Vernachlässigung in der Kindheit) entwickeln Hypervigilanz: eine erhöhte Wachsamkeit, die den Raum nach Bedrohungen abscannt. „Wer könnte mich verletzen? Wer ist gefährlich? Wendet sich das Blatt gegen mich in dieser Unterhaltung?“ Das ist kein Einfühlungsvermögen. Das ist Überlebensstrategie.

Echte Empathie bedeutet, die Gefühle anderer nachzuvollziehen und nicht, die Umgebung zu scannen, um die eigene Sicherheit zu prüfen. Hypervigilante Menschen (also auch ich) sind oft so mit der eigenen Angst beschäftigt, dass sie kaum Kapazität für echte Empathie haben. Im Gegenteil: Sie projizieren ihre Ängste auf andere und liegen dabei häufig falsch.

Hypervirgilanz ist auch keine kognitive Empathie. Wenn ich einen Raum betrete und sofort „lese“, wer „gefährlich“ aussieht, dann ist das keine Gabe. Das ist mein Gehirn, das alte Muster abgleicht: „Der guckt so, wie mein Vater immer geguckt hat, bevor er mich niederbrüllte.“ „Die Stimme klang grad wie die einer meiner Mobberinnen.“ Es sind in den allermeisten Fällen keine bewussten Schlüsse, sondern konditionierte Panikreaktionen. Ein verängstigtes Kind in mir erkennt „Bedrohungen“, die oft gar nicht existieren. Echte kognitve Empathie erfordert Reflexion: „Wenn ich in ihrer Situation wäre, wie würde ich mich fühlen?“, "Warum könnte die Person wütend geworden sein?", "Was könnte an meiner Aussage so beleidigend gewesen sein?". Hypervigilanz fragt nicht. Sie reagiert. Sie sortiert Menschen in „sicher“ und „gefährlich“, ohne zu verstehen, warum jemand so guckt oder spricht. Und vor allem: Sie blockiert emotionale Empathie (bei mir zumindest) komplett. Wenn ich in diesem Modus bin, bin ich so mit meiner eigenen Angst beschäftigt, dass ich die Gefühle anderer gar nicht wahrnehmen kann.

Ironischerweise sind es oft gerade die, die sich als „hoch empathisch“ bezeichnen, die in Wahrheit überfordert sind. Vielleicht nehmen sie zu viele Reize wahr (Hochsensibilität), vielleicht sind sie selbst hypervigilant, aber das macht sie mitnichten zu besonders einfühlenden Leuten. Eher zu Menschen, deren Filter überlastet ist, was kein Verbrechen ist, aber eben auch keine besondere Kraft.

Echte Empathie hingegen erlebe ich bei Menschen, die entspannt in sich ruhen, die nicht ständig auf der Hut sind, nicht sehr schnell überfordert sind, sondern einfach da sein können.

Krankheiten sind keine Geschenke

Psychische Erkrankungen können biologisch bedingt sein, genetisch vererbt oder durch Traumata ausgelöst, oft eine Mischung aus verschiedenen Ursachen. Man kann nichts dafür, dass man sie hat. Aber man sollte auch nicht so tun, als wären sie erstrebenswert. Denn das verniedlicht echtes Leid.

Die beste Rache ist ein glückliches Leben, jeder darf natürlich jeden Vorteil der Störung, Krankheit oder Neurodivergenz nutzen. Aber das bedeutet nicht, das Leid, das einem zugefügt wurde (oft schon im frühen Kindesalter, oder völlig sinnfrei durch Genetik), als „Superkraft“ umzudeuten. Es bedeutet, das Beste aus einer schwierigen Situation zu machen, ohne sie zu verklären. Und ohne sich selbst quasi zu einem Übermenschen zu erklären, so was macht nur einsam.

no comments (yet)
sorted by: hot top controversial new old
there doesn't seem to be anything here