Über 300 000 Wanderarbeiter, vor allem jugendliche Migranten, stellen jährlich bis zu 1,5 Milliarden Kleidungsstücke für den heimischen Markt her. Wang Bings «Youth»-Filme zeigen ein erschütterndes Mosaik von Existenzen im chinesischen Kapitalismus.
Ein gerade so volljähriger Mann möchte sein Gehalt ausbezahlt bekommen. Er hastet an auf dem Boden liegenden Stoffhaufen und Müllsäcken vorbei, zum Management der heruntergekommenen Kleiderfabrik im chinesischen Bezirk Zhili. Dort sagt man ihm, er müsse sein Lohnbuch bringen. Selbiges kann er aber nicht finden. Es wird geschrien, der Ton ist barsch.
Die wackelnde Kamera begleitet ihn minutenlang zwischen einer feststeckenden Verhandlung mit seinen Vorgesetzten und seiner verdreckten Ecke in einem Mehrbettzimmer, wo er verzweifelt nach dem Lohnbuch sucht. Manchmal schaut er ins Objektiv, er performt für die Kamera, aber vergisst auch immer wieder die Präsenz des Filmemachers, der ihm auf den Fersen ist.
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China ist stolz drauf
Man kann kaum glauben, dass es diese unabhängigen Bewegtbilder aus dem Herzen der chinesischen Kinderkleidungsindustrie gibt. Etwa 8000 Workshops werden in der Region betrieben. Über 300 000 Wanderarbeiter, die meisten von ihnen jugendliche Migranten, stellen jährlich bis zu 1,5 Milliarden Kleidungsstücke für den heimischen Markt her. In Zhili konzentriert sich die Herstellungskette der Kinderkleidung vom Design bis zu Verkauf, Lagerung und Logistik.
Westliche Medien berichten über Zhili [einen Bezirk in China] vor allem im Zusammenhang mit Kinder-, Zwangsarbeit und Umweltverschmutzung, China dagegen bewirbt den Bezirk als Erfolgsmodell des Kapitalismus. In den neunziger Jahren kam Zhili wegen eines verheerenden Feuers in einer Spielzeugfabrik in die Schlagzeilen. Jüngsten Berichten nach haben sich die Sicherheitsvorkehrungen in den Arbeitsstätten vor Ort nur unzureichend verbessert.
Im vergangenen Jahr widmete das Filmpodium dem herausragenden Werk des chinesischen Dokumentaristen Wang Bing eine Retrospektive. Dieser veröffentlichte parallel dazu bei den Filmfestspielen von Locarno und Venedig den zweiten und dritten Teil seiner «Youth»-Trilogie, in der er junge Arbeiter in Kleiderfabriken in Zhili über Jahre begleitet. Jetzt kann man «Youth (Hard Times)» und «Youth (Homecoming)» als Nachspiel im Filmpodium sehen.
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Von 2015 bis 2019 lebte und drehte der Filmemacher vor Ort, allein und möglichst unsichtbar. Mehr als neun Stunden Material hat er insgesamt aus seinen über tausend Stunden an Aufnahmen gefiltert, sie zeigen ein erschütterndes Mosaik von Existenzen im chinesischen Kapitalismus.
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Über die schiere Dauer dieser Werke [bestehnend aus mehreren Dokumentationen], die man unabhängig voneinander anschauen kann, entfaltet sich ein Verständnis für die Situation der Wanderarbeiter, die journalistische Reportagen nicht vermitteln können. Man beginnt zu verstehen, wie sich die Machtverhältnisse zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern gestalten, wie stark sich die Arbeiter trotz den katastrophalen Arbeitsverhältnissen in der Betonwüste Zhili über ihren Hungerlohn definieren und wie familiär vorgezeichnete Lebensentwürfe verhindern, dass sie aus dem System entkommen. Das ist ambivalent und doch eindeutig.
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